Hallo, ich bin eine Narbe.
Geboren wurde ich aus einer Wunde.
Meine Mutter ist die Haut
und mein Vater war eine Klinge.
Als ich gebohren wurde,
tat es meiner Mutter sehr weh.
Sie hat vor Schmerz geblutet,
aber mein Vater hat ihr Mut gemacht.
Er hat gesagt, dass, wenn die Wunder verheilt ist,
wenn das Blut aufhört zu fließen,
dass dann etwas entsteht,
was sie beide lieben werden.
Ich bin - die Narbe.
Doch heute ist alles anders.
Meine Mutter liebt mich zwar noch,
lässt mich nicht los.
Aber sie verbietet meinem Vater mich zu sehen.
Auch ich habe schon Angst vor ihm,
weil ich weiß, er tut mir nicht gut.
Ich bin meinem Vater dankbar,
dass er mich auf die Welt gebracht hat.
Aber heute möchte ich ihn nicht mehr sehen.
Meine Mutter sagte mir, kurz nach meiner Geburt,
dass ich eine Wunschnarbe bin.
So, wie alle meine Geschwister.
Ich habe viele Geschwister,
und alle sehen anders aus.
Ich habe dicke und große Schwestern,
aber auch dünne und zierliche.
So wie meine Brüder.
Wir sehen alle verschieden aus.
Aber unsere Mutter liebt uns.
Sie steht zu uns, und ist stolz, und geboren zu haben.
Väter haben wir nicht alle den selben.
Eine Schwester ist von einer Scherbe.
Ein Bruder von einer Zigarette.
Andere Geschwister von mir
wurden von einem Messer gezeugt.
Aber es gibt für uns nur eine Mutter - die Haut.
Du fragst dich,
warum wir nicht alle den selben Vater haben?!
Nachdem unsere Mutter die erste Narbe bekam,
hat sie sich von dem Vater getrennt,
weil sie gemerkt hat,
er tut ihr nicht gut.
Aber immer wieder wollte sie neu gebären
und so suchte sie sich neue Väter für ihre Narben.
Immer wieder hasste sie den Vater nach der Geburt
und verließ ihn.
Und heute möchte sie keine Narben mehr.
Sie liebt jeden Einzelnen von uns,
aber für noch weitere Narben hat sie keine Liebe
und keine Kraft mehr.
Und ich bin stolz auf meine Mutter.
Jeden Tag schenkt sie uns Liebe und Verständnis.
Manchmal bekommen wir besuch von einer
anderen Haut.
Sie liebkost uns dann
und Mutti freut sich,
dass die andere Haut sie nicht abstößt...
... wegen uns - Ihren Kindern - den Narben.