SVV-ler sind in der Regel besonders sensible und nachdenkliche Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Sie haben ein geringes Selbstwertgefühl und sind dadurch leicht zu verletzen. Häufig fühlen sie sich einsam. Eine typische Verhaltensweise ist es, negative Erlebnisse auf sich zu beziehen und sich dadurch immer mehr in der eigenen Negativeinschätzung bestätigt zu fühlen, Lob aber nicht akzeptieren zu können. Hinzu kommt oftmals die Schwierigkeit, nicht offen mit anderen reden zu können. Durch den fehlenden Meinungsaustausch wird auf beiden Seiten, also bei Angehörigen und Betroffenen gleichermaßen, viel spekuliert, es werden falsche Rückschlüsse gezogen, und Missverständnisse sind vorprogrammiert.
Im Gegensatz zu den gerade beschriebenen inneren Eigenschaften fallen SVV-ler durch ihr Verhalten in Gesellschaft jedoch nicht auf. Sie sind weder auffallend scheu noch unsicher. Sie geben sich fröhlich, können aus sich herausgehen und ausgelassen sein wie andere auch.
Wichtig im Umgang mit Betroffenen ist vor allem, sich klar zu machen, dass das Kind, der Freund/in, der Partner/in trotz SVV derselbe Mensch geblieben ist. Er ist nicht deshalb anders geworden, weil wir von den Selbstverletzungen erfahren haben. Entsprechend sollten wir ihn auch behandeln. Wir helfen ihm weder dadurch, dass wir ihn schonen und alle Probleme für ihn aus dem Weg räumen, noch durch besondere Strenge und Disziplinierungsversuche. Das Leben muss ganz normal weitergehen.
Trotz seiner Wichtigkeit dürfen die Angehörigen SVV nicht ins Zentrum ihres Lebens rücken, weil es eine starke emotionale Macht besitzt und in den eigenen Aktivitäten lähmen kann. Die depressive Stimmung, die SVV eigen ist, kann sich schnell auf das unmittelbare Umfeld übertragen.
Es ist wichtig:
...den Betroffenen Rückhalt zu geben, egal was kommt. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass wir immer zu ihnen halten.
...für sie da zu sein, wenn sie reden wollen, und Abstand zu halten, wenn sie ihre Ruhe haben wollen.
...die Betroffenen fühlen zu lassen, dass wir uns wirklich für sie interessieren. Das können Fragen sein wie "Was ist denn passiert?" oder "In welchen Situationen machst du das?", aber auch "Wollen wir was zusammen unternehmen?". Sie wollen aber nicht danach gefragt werden, warum sie sich selbstverletzten.
...keine dummen Bemerkungen zu machen oder Witze darüber zu reißen, wenn Betroffene etwas sagen, auch wenn es nicht böse gemeint sind. SVV-ler sind verletzlich.
...nicht herumzuschreien, auch wenn wir sehr erregt sind. SVV-ler fühlen sich schon alleine durch die Lautstärke angegriffen und verunsichert. Wenn wir doch mal laut geworden sind, sollten wir später darüber reden und die Situation nicht ungeklärt lassen.
...unsere Lieben manchmal einfach nur in den Arm zu nehmen und sie zu streicheln. Körperliche Nähe kann viel mehr ausdrücken als Worte. Es ist auch gleichzeitig ein Zeichen, dass wir mit ihrem Körper kein Problem haben.
...SVV keinesfalls zu ignorieren. Wenn Betroffene mit uns nicht über SVV sprechen, heißt das nicht, dass sie grundsätzlich nicht darüber sprechen wollen, vielleicht können sie es nur gerade nicht und brauchen noch Zeit.
...SVV-ler nicht unter Druck zu setzen "Wenn du nicht aufhörst, dann..." und bei ihnen keine Schuldgefühle zu erzeugen "Wie konntest du mir/uns das nur antun?" Wir dürfen ihnen wegen SVV nie ein schlechtes Gewissen einreden oder ihnen Vorwürfe machen.
...keine Standardsprüche zu verteilen "Das geht wieder vorbei", "Kopf hoch, es geht jedem mal schlecht". Diese Verharmlosungen verletzen die Betroffenen, und sie fühlen sich nicht ernst genommen. SVV ist mehr als ein vorübergehendes Stimmungstief.
...weder ein großes Drama mit Mitleidsbekundungen aus SVV zu machen, noch es als Kleinigkeit abzutun.
...eigene Fehler zuzugeben und sich zu entschuldigen, wenn man etwas falsch gemacht hat. Wir sollten versuchen offen und ehrlich miteinander umzugehen.
...auch von unseren eigenen Problemen und Ängsten im Zusammenhang mit SVV zu sprechen. Wir müssen bereit sein dasselbe zu tun, was wir von den Betroffenen erwarten.
...Stimmungsschwankungen von Betroffenen zu akzeptieren. Auch du kannst mal einen schlechten Tag haben. Und es ist günstiger, mit den wahren Gefühlen konfrontiert zu werden, als immer das Gefühl "Mir geht es super" vermittelt zu bekommen, obwohl wir wissen, dass es nicht so ist.
...uns gemeinsam über Schule, Ausbildung oder Arbeit hinaus Gedanken zum Tagesablauf zu machen. Leerlauf und ungenutzte Freizeit lässt die Gedanken immer wieder um SVV kreisen. Konkrete Alternativen wie Sport treiben, malen, mit einem Freund telefonieren etc. helfen im Bedarfsfall, SVV entgegenzuwirken.
...das Internet als Austausch-Forum mit anderen SVV-lern nicht zu verbieten. Wir sollten aber erörtern, welche Gefahren es mit sich bringt, wenn zu viel Zeit damit verbracht wird und sich die Freunde alleine aus diesem Kreis rekrutieren. Soziale Kontakte im wirklichen Leben dürfen nicht vernachlässigt werden.
...die Intimsphäre zu respektieren, auch wenn wir das Verhalten vielleicht nicht verstehen, zum Beispiel den Rückzug ins eigene Zimmer und den Wunsch alleine sein zu wollen. Bei Internet-Aktivitäten kann man vereinbaren, dass bestimmte Seiten für den Betroffenen oder Angehörigen zum Austausch "reserviert" sind oder dass die Foren-Einträge vom anderen nicht gelesen werden dürfen.
...keinen Druck auszuüben um Wunden oder Narben gezeigt zu bekommen. Diese Art der Kontrolle ist wenig hilfreich.
...Verständnis für SVV zu signalisieren. Die Bereitstellung von Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel zur Wundversorgung und Salben zur Narbenpflege ist sinnvoller als Rasierklingen und Messer einzusammeln und wegzuwerfen. Verhindern können wir Selbstverletzungen durch solch eine Maßnahme nicht.
...keine Verbote und Bestrafungen im Zusammenhang mit SVV auszusprechen. Liebesentzug oder gar körperliche Züchtigungen sind mit Sicherheit fehl am Platz.
...und hilfreich, sich umfassend über SVV zu informieren (Bücher, Internet, Austausch mit Betroffenen).
Tipps für Angehörige:
Wenn man bei einem Freund, Bekannten oder einem Familienmitglied Anzeichen für SVV bemerkt, sollte man die Person auf keinen Fall im Beisein anderer oder gar in der Öffentlichkeit darauf ansprechen.Versuchen Sie zunächst sich in dieser Situation nichts anmerken zu lassen oder zeigen Sie nur durch einen verständnisvollen Blick dass Sie es bemerkt haben. Auf keinen Fall Mitleid zeigen, oder Vorwürfe machen! Dann sollte man versuchen in einem ruhigen Moment mit der betroffenen Person darüber zu sprechen.
Wenn man vor Gesprächsbeginn merkt das derjenige sich nicht wohlfühlt oder sogar schon sagt, dass er nicht darüber reden will, sollte man ihn auf keinen Fall zum Gespräch zwingen. Dadurch erreicht man einzig und allein das sich die Person erst recht in sich zurückzieht. Durch Drohungen, ausüben jeglichen Zwangs, Vorwürfen macht man alles nur noch schlimmer. Damit hilft man der betroffenen Person in keinster Weise, sondern treibt sie eher noch tiefer hinein! Wenn sich die Person also nicht auf ein Gespräch einlässt sollte man ihr trotzdem auf jeden Fall sagen und später auch immer wieder zeigen, dass man immer für sie da ist und das man sie so akzeptiert wie sie ist.
Wenn sich die Person freiwillig auf ein Gespräch einlässt und von selbst sagt was los ist, warum es ihr schlecht geht, usw sollten Sie ruhig zuhören und in jedem Fall zunächst Verständnis zeigen. Meist verbergen sich hinter SVV Ängste, deshalb sollten Sie versuchen der betroffenen Person die Ängste zu nehmen. Machen Sie immer wieder klar, dass Sie helfen wollen und dass sie sich immer auf Sie verlassen kann. In beiden Fällen sollte man sich danach aber auch wirklich um die Person kümmern, denn wenn man der Person dann in irgendeiner Weise mit Ablehnung begegnet wird sie in ein tiefes Loch fallen und sich nur schwer wieder jemandem öffnen können.
Dazu muss man wissen, dass betroffene Personen oft dazu neigen sich in Dinge hineinzusteigern oder etwas in eine Sache hinein interpretieren die sich im Auge des Helfers ganz anders darstellt. Sei es einfach nur dass Sie keine Zeit haben wenn derjenige Sie anruft oder dergleichen, erklären Sie genau warum Sie keine Zeit haben und machen aber sofort einen anderen Vorschlag. Wenn ein Betroffener mit einem "Ich habe jetzt keine Zeit" ohne Begründung abgespeist wird, wird er anfangen sich einzubilden das Sie keine Lust haben sich mit ihm zu beschäftigen was ihm sehr weh tun wird, wenn Sie seine Vertrauensperson sind, da dann sofort wieder Ängste auftreten werden, zB dass sie allein gelassen wird. Auch wenn es nicht so ist, SVV-Betroffene sind davon meist fest überzeugt. Wenn man es schafft davon wegzubringen ist man einen großen Schritt weiter...
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