Warum leidet ein Mensch noch, es ist doch schon so lange her?
oder
Warum kannst du nicht wie bisher weiter leben?
oder
Hast du wirklich die ganzen Jahre nichts von dem gewusst?
Ja warum?
Ich weiß gar nicht, ob man das überhaupt erklären kann. Also versuche ich zu beschreiben, wie es bei mir ist und was sich verändert hat.
In dem Moment, als ich die Zweifel so einigermaßen besiegt hatte und mir klar wurde, was passiert war, war ich nicht mehr "ich".
Alles erschien mir sinnlos und verlogen, vor allem mein eigenes Leben.
Mit der Zeit wurde mir klar, dass sich durch den Missbrauch ein anderes "ich" entwickelt hat. Ein "ich", welches die Fähigkeit hatte zu überleben. Denn das alte "ich" wäre an den ganzen Qualen gestorben.
Deshalb auch jetzt das Gefühl, dass das Leben so sinnlos und verlogen scheint. Weil einem so viel genommen wurde. Es ist nicht "nur" der Missbrauch selber, nein, es ist noch viel mehr. Denn in diesem einen Moment wurde einem kleinen Kind - MIR - die Kindheit genommen. Auf einmal war ich nicht mehr das kleine Kind, ich war ein Mädchen, dass sich aufgrund ihrer neu erlernten Fähigkeiten behaupten musste. Das war auch der Moment wo sich die Maske über mein Gesicht zog um die Schmerzen und Tränen zu verbergen.
Wie sagt man so schön? - Ich war hart im Nehmen!
Was nichts anderes heißt, als dass ich alles über mich ergehen ließ, die Gedanken und Gefühle dabei sozusagen abstellte. Aber nur so war das alles zu ertragen, weil man seinen Körper verließ.
Und bei mir ist es so, dass ich all die Jahre nichts anderes getan habe, als es einfach so hinzunehmen. Dieses neue "ich" von damals hat sich in meinem Körper ausgebreitet und für mich gelebt, damit ich überlebe!
Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo das alte "ich" sich meldet. Erst ganz zaghaft und leise, dann immer stärker und lauter. Wie?
In Form von Alpträumen, Krankheiten, von Beschwerden, wo kein Arzt die Ursache finden kann, aber sie trotzdem vorhanden sind. Auch Depressionen, Ängste und Panikattacken sind ein Hinweis, dass etwas nicht in Ordnung ist. All dies heißt zwar nicht, dass ein Missbrauch vorliegt, aber man sollte es immer ernst nehmen und die Ursachen suchen.
Manch einer hat auch keine konkreten Erinnerungen, er spürt einfach, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Auch diesem Gefühl sollte man Beachtung schenken und es ernst nehmen. Sich nicht erinnern können heißt nicht, dass alles in Ordnung ist.
Beginnt dann die Zeit der Erinnerungen, dann beginnt (sollte es zumindest) die Zeit des Redens.
Besser gesagt: "Sein Schweigen zu brechen!"
Auf einmal muss man all das, was man erlebte, neu erleben um verarbeiten zu können. Nur so funktioniert es, was man als Kind nicht konnte, muss man jetzt nachholen. Dabei hilft einem das Innere Kind. Dieses Kind welches sich damals verabschiedet hat aus dem Leben und jetzt seine Rechte fordert!
Auch nur so war es möglich, die ganzen Jahre zu verdrängen, weil das Kind geschwiegen hat, sich versteckt hat um überleben zu können. Und irgendwann ist dann die Zeit, wo die alten Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren, wo man wieder neu lernen muss zu leben.
Dafür gibt es auch keine Regeln, es verläuft eigentlich immer unterschiedlich, da es ja auch darauf ankommt, wann die betroffenen Person dafür bereit ist, dieses Leid erneut zu ertragen.
Ich habe eine super liebe Familie, Freunde und einen festen Freund.
Sie aber kannten bislang nur mein "erlerntes ich".
Das andere "ich" aber fordert sein eigenes Leben wieder, was nichts anderes heißt, als dass ich mich verändern muss. Ich muss wieder neu lernen, wer ich bin und was ich will. Muss lernen mich und meinen Körper zu akzeptieren, was sehr schwer ist.
Und meine Familie und Freunde müssen lernen, dass ich mich verändere, auch das ist sehr schwer.
Das ist es dann auch, warum man nicht wie bisher weiter leben kann. Weil sich alles verändern muss. Weil ich mich verändern muss. Ja, zum Teil muss ich sogar lernen egoistisch zu sein, damit ich mich wieder finden kann.
In dem Moment des Missbrauchs wird einem Kind sein Leben genommen - ja - die Hülle dieses Kindes lebt oft weiter mit einem neuem ich. Und heute, wo der Missbrauch wieder so nah, so real erscheint, möchte man lieber sterben, als all die Qualen auf´s Neue zu durchleben. Der Wunsch ist sehr oft da, doch wenn man merkt - wenn man begriffen hat - dass man bis heute "überlebt" hat, dann kann man ganz langsam versuchen die Erinnerungen anzunehmen !
Dieser eine Punkt, - zu wissen, dass ich bis heute überlebt habe - war für mich ganz entscheidend. Er ist ein Teil von dem, wo ich wirklich angefangen habe zu akzeptieren was geschehen ist. So ist es jedenfalls bei mir.
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