Mein SVV - 2007

Und es fängt von vorne an...

Wenn ich mir die alten Berichte von 2005 und 2006 durchlese, dann frag ich mich nur wo diese niedergeschriebenen Gedanken und Worte herkommen. Waren das wirklich meine Worte? Und wo ist diese Zeit hin, wo es mir so gut ging? Das Jahr 2007 lehrte mich wieder viele Dinge, positive wie negative. Ich bin sehr abgerutscht dieses Jahr. Meine Selbstverletzung nahm zu und ich war in vielen Situationen, mit denen ich gelernt hatte umzugehen, wieder sehr überfordert mit mir und anderen. Auch waren Selbstmordgedanken dieses Jahr wieder präsent in meinem Kopf und viele schlechte Erinnerungen holten mich in der letzten Zeit wieder ein und machten es mir schwer. Ich habe dieses Jahr viel durchmachen müssen, aber vor allem habe ich viel über mich, meine Gedanken und Gefühle, gelernt.

Ich habe gelernt, dass ich mich nicht mit dem besten, das andere geben können vergleichen sollte, sondern mit dem besten das ich geben kann. Es ist auch nicht wichtig was Leuten passiert, sondern was sie daraus machen. Auch wenn ich da noch viel dran arbeiten muss.

Und egal wie dünn ich etwas schneide…es gibt immer zwei Seiten. Ich habe gelernt, dass ich noch lange weitermachen kann, nachdem ich dachte es geht nicht mehr und das ich immer verantwortlich bin für das was ich tu, egal wie ich mich fühl. Der Umzug in eine fremde Stadt zeigte mir, dass entweder ich meine Einstellung steuere oder sie mich. Und er zeigte mir, dass wahre Freundschaft selbst über große Entfernungen hinweg Bestand hat. Doch ungeachtet dessen, wie heiß und feurig eine Freundschaft oder Beziehung anfangs ist, die Leidenschaft verblasst und schnell nimmt etwas anderes diesen Platz ein. Ich habe sehr viele Menschen kennengelernt die in meinem Augen “Helden” sind, denn durch sie habe ich gelernt, dass man tun muss was getan werden muss, wenn es notwendig ist, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Ich musste lernen, dass es Übung braucht um Verzeihen zu erlernen und dass es nicht immer reicht wenn andere mir verzeihen, denn machmal musste ich lernen mir selbst zu verzeihen.
 
Ich weiß jetzt, das es Menschen gibt, die mich aufrichtig lieben, aber nicht wissen, wie sie es zeigen sollen. Ich habe gelernt, dass ich manchmal, wenn ich wütend bin, das Recht habe wütend zu sein, aber niemals das Recht grausam zu anderen zu sein oder gar diese Wut an andere auszulassen. Der Umgang mit Menschen zeigte mir, dass Reife mehr damit zu tun hat, was für Erfahrungen du gemacht hast und was du daraus gelernt hast, als damit, wieviele Geburtstage du schon gefeiert hast. Die letzten 4 Wochen zeigten mir, dass unser Hintergund und gewisse Umstände uns darin beeinflusst haben können, was wir sind, aber wir sind letztendlich allein dafür verantwortlich, wer wir werden. Und das es egal ist wieviele “Freunde” ich habe, denn wenn ich ihre Stütze bin, werd ich mich einsam und verloren fühlen in den Zeiten, in denen ich sie am meisten brauche. Egal wie sehr dein Herz gebrochen ist, die Welt hört nicht auf sich wegen deines Kummers zu drehen und die Zeit geht weiter. Ich habe zu spüren bekommen, dass Menschen, die mir viel im Leben bedeuten, mir oft viel zu früh genommen werden..Und dennoch hab ich noch soo viel im Leben zu lernen.

Und auch wenn mir diese ganzen psychischen Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen es mir oft nicht leicht machen, bin ich froh für das was sie in mir ausgelöst haben…denn auch sie haben mich heute zu den Menschen gemacht der ich bin und mir viele wichtige Dinge im Leben lehren können. Ein Leben mit diesen Problemen heißt für mich wie als Nichtschwimmer ins Wasser zu fallen und dabei gar nicht zu merken, dass das Wasser nicht tief ist und ich eigentlich drin stehen könnte.
Ich bin dadurch ein tiefgründiger Mensch mit vielen Masken und Facetten geworden. Und ich glaube mit mir kanns gar nicht langweilig werden, weil niemand weiß - nicht mal ich selbst - wie ich morgen fühle, handle oder denke. Für eine Überraschung bin ich also immer gut. Ich lebe im Chaos pur. Es ist ein tägliches Wechselbad von Wahrnehmungen, Gefühlen, Gedanken und Instinkten.

Es ist wie unfreiwillig ein Dauerticket zu besitzen für eine rasante Achterbahnfahrt die kein Ende nimmt. Und es ist für mich wie das Spiel eines Kindes auf einer Wippe - mal bin ich oben, mal unten - und jedesmal denke ich es müsste so für den Rest meines Lebens sein. Doch durch diese ganze “Schwarz/Weiß”-Welt habe ich gelernt zwischen den Zeilen lesen zu können und sehr emotional, sensibel, facettenreich, einfühlsam und verständnisvoll zu sein…ich nehme Dinge dadurch viiieel intensiver wahr als andere. Es ist als würde ich versuchen den rauhen Atlanik des Lebens mit einer Nussschale und nur einem Paddel überqueren zu wollen.
Ich schaffe es immer wieder mir mit dem Arsch all das einzureißen, was ich mir mit den Händen mühsam aufgebaut hab und dennoch immer wieder von vorne anzufangen.

Arbeiten muss ich wohl noch sehr an dem “Talent” die Dinge so zu sehen, wie sie nicht sind und Dinge nie genießen zu können oder nie richtig glücklich zu sein, vor lauter Angst, was kommt.

Ich habe durch die vielen Therapien für mich erkannt, dass es keinen Sinn macht, gegen das Borderline zu kämpfen, denn damit kämpfe ich nur gegen mich selbst. Ich kann höchstens versuchen MIT dieser Krankheit zu leben - jeden Tag. Leider gibt es gegen sowas keine runde, nette Pille und alles ist gut. Jeden Tag aufs Neue erfordert es Achtsamkeit und Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen, Gedanken und Grenzen. Und das ist nicht grade einfach. Irgendwann steht jeder vor der Wahl, welchen Weg man gehen möchte. Den Leidensweg oder vielleicht doch den anstrengenden Weg in Richtung “gesundes oder normales” Leben? Diese Entscheidung muss jedesmal wieder neu getroffen werden. Ich war so oft schon an dem Punkt wo ich nicht mehr wollte, müde war, erschöpft, lustlos und unmotiviert..keine Kraft mehr hatte..Und doch ist das Leiden auch nicht der Weg, den ich gehen möchte…. Dann gehe ich weiter und kämpfe… - nicht gegen Borderline, sondern für mich…

Meine momentane Therapie schenkt mir sehr viel Kraft und ich merke jeden Tag dass es mir hilft. Ich hoffe dass ich mit meinen ganzen Ängsten, Zweifeln, Vertrauensproblemen und alles andere bald lerne besser zu leben und irgendwann ein ganz normales Leben führen kann wie jeder andere auch.

Ich wünsche mir und allen anderen, ein schönes Leben ohne Selbstverletzungen und anderen Problemen, die einen sehr schnell überfordern können.
 
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